Kirsten & Viviane
Kirsten würde später behaupten, es sei die Hitze gewesen (…)
Dieser eigentümliche Sommer, in dem selbst um Mitternacht noch warme Luft durch das geöffnete Fenster strömte. In dem die Stadt langsamer wirkte, Nächte länger dauerten und man irgendwann nicht mehr wusste, ob man noch wach war oder bereits träumte.
Viviane würde ihr jedes Mal widersprechen.
„Es war nicht die Hitze.“
„Was dann?“
„Du. Du machst mich geil!“.
Angefangen hatte alles vollkommen unspektakulär:
Zwei erwachsene Frauen. Zwei Freundinnen. Ein Sommerabend. Musik aus einer kleinen Bluetooth-Box, eine angebrochene Flasche Wein und dieses Gespräch, das irgendwann persönlicher wurde, als beide geplant hatten.
Sie redeten über Männer. Über Beziehungen. Über schlechte Dates, vorgetäuschte Orgasmen und gute Ausreden. Über Masturbation und Schwänze.
Und irgendwann reden wir über Frauen.
„Hast du eigentlich schon mal eine Frau geküsst?“, fragte Viviane.
Kirsten sah sie an.
Eine Sekunde zu lange.
„Nein.“
Viviane lächelte.
„Ich auch nicht.“
Danach hätte eine von ihnen lachen können.
Keine tat es.
23:47 Uhr
Es entstand diese besondere Art von Stille, in der plötzlich jedes Detail wichtig wird.
Vivianes nackte Füße auf dem Boden. Kirstens Hand neben ihrer. Der Duft von Sonnencreme, warmer Haut und Sommernacht.
Ihre Schultern berührten sich beinahe.
Beinahe.
Viviane sah zu Kirsten.
„Darf ich?“
Kirsten antwortete nicht sofort. Sie rückte nur ein kleines Stück näher.
Das genügte.
Der erste Kuss war vorsichtig. Fast überraschend weich. Ihre Lippen berührten sich kurz und lösten sich wieder.
Beide sahen einander an.
Dann küssten sie sich noch einmal.
Diesmal länger.
Kirsten legte ihre Hand an Vivianes Gesicht, strich mit dem Daumen über ihre Wange. Viviane zog sie näher zu sich. Aus dem vorsichtigen Experiment wurde ein leidenschaftlicher Kuss, neugierig und intensiv, ihre Zungen berührten sich, und für einige Sekunden schien alles außerhalb dieses Zimmers vollkommen irrelevant.
Als sie sich voneinander lösten, musste Kirsten lachen.
„Okay.“
„Okay gut oder okay schlecht?“
Kirsten zog Viviane wieder zu sich.
Das beantwortete die Frage.
PUNCHLINE: Der gefährlichste Moment ist manchmal nicht der erste Kuss. Sondern der zweite – weil man dann weiß, dass der erste kein Versehen war.
Neugier
Sie hatten vorher keine Regeln vereinbart.
Vielleicht war genau das der Grund, warum sich alles so unmittelbar anfühlte.
Viviane strich Kirsten langsam durch die Haare. Kirstens Fingerspitzen wanderten über ihren Nacken und ihre Schultern. Sie erkundeten die Nähe der anderen behutsam, hielten immer wieder inne und sahen sich an.
Es war weniger eine Frage danach, was passieren würde.
Vielmehr danach, ob die andere es ebenfalls wollte.
Und jedes Mal war die Antwort dieselbe.
Noch ein Kuss.
Noch eine Berührung.
Noch ein kleines Stück näher.
Die anfängliche Nervosität verschwand. Zurück blieb eine Mischung aus Zärtlichkeit, Vertrautheit und einer Intensität, die beide überrascht hatte.
Später lagen sie nebeneinander.
Kirsten starrte an die Decke.
„Das war jetzt irgendwie nicht geplant.“
Viviane drehte sich zu ihr.
„Muss denn alles geplant sein?“
Am nächsten Morgen
Um 9:16 Uhr vibrierte Kirstens Smartphone.
Viviane:
Bereust du es?
Kirsten las die Nachricht dreimal.
Sie tippte eine Antwort.
Löschte sie.
Schrieb eine neue.
Löschte auch die.
Schließlich schickte sie nur:
Nein.
Drei Punkte erschienen.
Viviane:
Ich auch nicht.
Und darunter, wenige Sekunden später:
Wann sehen wir uns wieder?
Kirsten musste lächeln.
Vielleicht war genau das die eigentliche Überraschung dieses Sommers.
Nicht, dass zwei Freundinnen sich geküsst hatten.
Nicht die Neugier.
Nicht einmal diese neue Form von Nähe.
Sondern dass keine von beiden wollte, dass es bei diesem einen Abend blieb.
Closing Punchline
FIRST TIME. FIRST KISS. NO LABELS.
Vielleicht muss man nicht sofort wissen, was etwas bedeutet.
Manchmal reicht es, zu wissen, dass man es wieder fühlen möchte.





