Girls after Midnight

Drei Städte. Drei Vorstellungen von Schönheit, Models, Escorts, Nutten und derber Fantasie. Tokio. Moskau. Düsseldorf. Drei Städte, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Tokio wirkt wie eine endlose Collage aus Neonlicht, Popkultur, Fashion und hypermoderner Infrastruktur. Moskau verbindet Monumentalität, Luxus und eine ausgesprochen inszenierte Vorstellung von Glamour. Düsseldorf wiederum besitzt eine wesentlich kompaktere Mischung aus Mode, japanischer Community, Business, Clubs und rheinischem Nachtleben.
Und überall begegnet uns dieselbe menschliche Faszination: Models, Hostessen, Influencerinnen, Escorts und Sexarbeiterinnen können dabei Teil vollkommen unterschiedlicher Milieus sein. Gerade deshalb sollte man diese Kategorien nicht miteinander verwechseln. Ein Model ist nicht automatisch Escort. Eine Hostess ist keine Prostituierte. Eine Influencerin ist kein Model. Und eine Sexarbeiterin muss mit all diesen Rollen überhaupt nichts zu tun haben. Trotzdem begegnen sich ihre Bilder in Werbung, Social Media und Nachtleben ständig. „Nutte“ ist ein hartes Wort. Es kann abwertend und verletzend sein. Gleichzeitig gehört es zur Sprache von Popkultur, Musik, Boulevard, Pornografie und urbaner Subkultur. Deshalb verwenden wir es hier vor allem als kulturelles Zitat und provokanten Gegenpol zu einem anderen Begriff: Model. Denn zwischen dem gesellschaftlich prestigeträchtigen Bild eines Models und der stigmatisierten Sexarbeiterin liegt eine bemerkenswerte kulturelle Wertung.
Beide können mit Körper, Inszenierung, Kleidung, Attraktivität und männlichem oder weiblichem Begehren konfrontiert sein. Ihre gesellschaftliche Bewertung könnte dennoch kaum unterschiedlicher ausfallen. Genau dieser Widerspruch macht das Thema interessant.
Tokio: Bitches
Tokio ist vermutlich die visuell extremste unserer drei Städte. Hier treffen High Fashion und Manga, Business-Anzug und Cosplay, Minimalismus und Kawaii aufeinander. Wer nachts durch Shinjuku und insbesondere Kabukichō läuft, erlebt eine hochverdichtete Entertainment-Landschaft. Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung beschreibt Kabukichō als komplexes urbanes Ökosystem, in dem sexbezogene Betriebe trotz Gentrifizierung, Regulierung und Stadtentwicklung weiter existieren. Doch das japanische Nachtleben lässt sich nicht einfach mit westlichen Vorstellungen eines „Rotlichtviertels“ erklären.
Host- und Hostess-Clubs, Bars, Dating, erotische Entertainment-Angebote und Sexarbeit bilden unterschiedliche Kategorien mit jeweils eigenen Regeln und kulturellen Codes. Von Yoshiwara nach Shinjuku: Sexarbeit besitzt in Tokio zudem eine lange Stadtgeschichte. Bereits während der Tokugawa-Zeit waren lizenzierte Vergnügungsviertel ein bedeutender Bestandteil der urbanen Ökonomie und Kultur. Historische Forschung beschreibt diese Viertel nicht nur als Orte kommerzieller Sexualität, sondern als komplexe kulturelle Räume.
Auch Yoshiwara spielte dabei eine zentrale Rolle. Eine medizinhistorische Untersuchung dokumentiert beispielsweise die Einführung von Syphilis-Untersuchungen für registrierte Prostituierte im Tokio des 19. Jahrhunderts. Das moderne Tokio ist selbstverständlich eine vollkommen andere Gesellschaft. Aber die Verbindung von Entertainment, Schönheit, Mode, Fantasie und kommerziellem Begehren besitzt eine bemerkenswert lange Vorgeschichte. Was Tokio außerdem von vielen westlichen Metropolen unterscheidet, ist die Vielfalt seiner ästhetischen Codes. Kawaii, Gothic Lolita, Gyaru, Cosplay, minimalistisches japanisches Design und internationale High Fashion können innerhalb derselben Stadt nebeneinander existieren.
Moskau: Glamour
Moskau erzeugt eine andere Atmosphäre. Russische und osteuropäische Models prägten die internationale Fashion- und Modelästhetik über Jahrzehnte mit. Gleichzeitig besitzt Moskau eine ausgeprägte Luxus- und Statuskultur. Wo Tokio häufig mit spielerischer Transformation arbeitet, wirkt Moskaus Ästhetik oftmals demonstrativer: Kleidung, Beauty, Restaurants, Fahrzeuge, Hotels und Nachtleben können zu Statussymbolen werden. Gerade dadurch entsteht jedoch schnell ein Klischee vom „Russian Girl“, das der Realität Millionen unterschiedlicher Frauen selbstverständlich nicht gerecht wird. Interessanter ist die Frage, wie solche Bilder überhaupt entstehen.
Moskau Sluts
Auch hier reicht die Geschichte weit zurück. Die Historikerin Siobhán Hearne zeigt in ihrer Monografie Policing Prostitution, dass Prostitution im Russischen Kaiserreich von den 1840er-Jahren bis 1917 unter einem staatlichen Regulationssystem toleriert wurde. Registrierte Prostituierte wurden von einer medizinisch-polizeilichen Bürokratie kontrolliert. Gleichzeitig war Sexarbeit eng mit Klassenunterschieden, Urbanisierung und wirtschaftlicher Abhängigkeit verbunden.
Diese historische Perspektive ist wichtig. Denn die romantisierte Vorstellung der glamourösen Escort-Dame erzählt nur einen kleinen Teil der Geschichte. Sexarbeit kann selbstbestimmte Erwerbsarbeit sein – sie kann aber ebenso mit ökonomischem Druck, Abhängigkeit, Gewalt oder Ausbeutung verbunden sein. Deshalb sollte Ästhetisierung niemals die sozialen Realitäten dahinter unsichtbar machen.
Düsseldorf: Königsallee
Und dann Düsseldorf. Im Vergleich zu Tokio und Moskau erscheint die Stadt fast überschaubar. Aber gerade diese Verdichtung macht sie interessant. Luxusshopping auf der Kö, Fashion und Beauty, internationale Businesswelt, Altstadt und eine der sichtbarsten japanischen Communities Deutschlands existieren auf engem Raum. Düsseldorf verbindet damit überraschend viele Elemente unserer anderen beiden Städte. Sexarbeit ist in Deutschland reguliert. Deutschland verfolgt einen anderen rechtlichen Ansatz. Seit dem 1. Juli 2017 gilt das Prostituiertenschutzgesetz. Die Stadt Düsseldorf weist darauf hin, dass Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter ihre Tätigkeit anmelden müssen und eine gesundheitliche Beratung vorgesehen ist. Das Gesetz soll unter anderem Selbstbestimmung und Arbeitsbedingungen stärken sowie Menschenhandel, Gewalt und Ausbeutung bekämpfen. Auch Prostitutionsbetriebe benötigen eine behördliche Erlaubnis und müssen bestimmte Anforderungen erfüllen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sexarbeit überall in Düsseldorf zulässig wäre. Die Stadt verfügt über einen Sperrbezirk; große Teile der Innenstadt gehören dazu. Verstöße können ordnungs- beziehungsweise strafrechtliche Konsequenzen haben.
Damit zeigt Düsseldorf besonders deutlich:
Sexarbeit ist nicht nur Sexualität. Sie ist auch Stadtplanung, Gewerberecht, Gesundheitspolitik und Sozialpolitik.
Model oder Nutte
Hier wird der Vergleich der drei Städte interessant. Stellen wir uns zwei professionell fotografierte Frauen vor. Beide tragen High Fashion. Beide werden aufwendig geschminkt. Beide arbeiten mit ihrer äußeren Erscheinung. Beide veröffentlichen professionelle Fotografien. Die eine wird als Model bezeichnet. Die andere als Escort. Sofort verändert sich unsere Wahrnehmung. Das zeigt, wie stark Begriffe gesellschaftliche Wertungen transportieren. „Model“ suggeriert Fashion, Ästhetik und Prestige. „Escort“ erzeugt Vorstellungen von Luxus und Intimität.
„Prostituierte“ bezeichnet eine Tätigkeit. Und „Nutte“ verwandelt diese Tätigkeit schließlich in ein gesellschaftliches Etikett. Die Person dahinter bleibt jedoch dieselbe Art von Person: ein Mensch mit Biografie, Persönlichkeit, Grenzen und eigener Motivation. Vielleicht lassen sich Tokio, Moskau und Düsseldorf deshalb weniger über einzelne Frauen als über die Fantasien vergleichen, die wir mit diesen Städten verbinden. Tokio steht für Transformation. Manga, Anime, Kawaii, Cosplay, Hostess-Kultur und Neonästhetik erzeugen eine Welt, in der Identität spielerisch inszeniert werden kann. Moskau steht für Status. Luxus, Glamour und klassische Beauty-Codes erzeugen das Bild einer stark kuratierten Form von Attraktivität. Und Düsseldorf steht für Nähe. Mode, Business, japanische Kultur und Nachtleben existieren hier innerhalb weniger Kilometer nebeneinander. Natürlich sind das keine objektiven Beschreibungen der Frauen dieser Städte. Es sind urbane Imaginationen. Und gerade diese Unterscheidung ist entscheidend.
Faszination
Vielleicht liegt die eigentliche Faszination nämlich gar nicht in Tokio, Moskau oder Düsseldorf. Sie liegt in der Anonymität der Großstadt. Man sieht einen Menschen für wenige Sekunden. Man kennt weder Namen noch Beruf noch Geschichte. Das Gehirn ergänzt die fehlenden Informationen. Aus einem Blick entsteht eine Geschichte. Aus Kleidung wird Persönlichkeit. Aus Schönheit wird Fantasie. Die Stadt liefert das Bild. Den Rest schreiben wir selbst. Models, Escorts und Sexarbeiterinnen sind keine austauschbaren Kategorien. Aber die Art, wie Gesellschaft über sie spricht, verrät viel über unsere Vorstellungen von Körper, Sexualität, Status und Schönheit. Tokio zeigt, wie Fantasie und Entertainment eine ganze urbane Ästhetik prägen können. Moskau verdeutlicht die Verbindung von Schönheit, Status und Inszenierung. Und Düsseldorf zeigt, wie Mode, Nachtleben und regulierte Sexarbeit innerhalb einer modernen deutschen Großstadt nebeneinander existieren. Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen: „Wo gibt es die schönsten Frauen?“ Sondern: Warum definieren Tokio, Moskau und Düsseldorf Schönheit jeweils so unterschiedlich? Und warum verändert ein einziges Wort – Model, Escort oder „Nutte“ – sofort unseren Blick auf denselben Menschen?
Quellen & Literatur
Takeoka, T. (2026): Ambivalent governance and urban resilience in Kabukicho’s sex industry: Local actors, built environment, and the survival of a contested urban space. Cities, Vol. 171, 106723.
Oxford Research Encyclopedia of Asian History (2022): Sex Work during the Tokugawa Era. Oxford University Press.
Nakanishi, A. & Higuchi, T. (2009): A study of Kyokan Gijuku: a supplement to the history of syphilis testing in Tokyo. Nihon Ishigaku Zasshi, 55(3), 347–364.
Hearne, S. (2021): Policing Prostitution: Regulating the Lower Classes in Late Imperial Russia. Oxford University Press.
Ashworth, G. J., White, P. E. & Winchester, H. P. M. (1988): The red-light district in the West European city: A neglected aspect of the urban landscape. Geoforum, 19(2), 201–212.
Landeshauptstadt Düsseldorf: Informationen zum Prostituiertenschutzgesetz.
Landeshauptstadt Düsseldorf: Gesundheitliche Beratung und Prostitution.
Landeshauptstadt Düsseldorf: Sperrbezirk in Düsseldorf.
Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).
Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).


